02/2021 S.R.Haake & F.v.Kacsóh: Gastbeitrag im Private Banking Magazin – Nachdenkliches zur Novellierung des Geldwäschegesetzes (GwG)
12. Februar 2021
10/2021 Stefan R. Haake zu Gast im Freitags-Podcast des Stiftungsmarktplatz.eu
2. Oktober 2021
alle anzeigen

09/2021 S.R.Haake & F.v.Kacsóh: Gastbeitrag im Private Banking Magazin – Sind Blockchain und Tokenisierung „The New Normal“?

CHANCEN & RISIKEN DER DIGITALEN FRAKTIONIERUNG VON WERTGEGENSTÄNDEN

Neue Teilhabe und sich öffnende Wege

Im ersten Teil unseres Gastbeitrages – erschienen am 03. September 2020 – haben wir beschrieben, was die Blockchain-Technologie leisten kann, und erste Hinweise auf die Anwendungsmöglichkeiten aufgezeigt. Heute stellen wir die Frage: „Ist Decentralized Finance die Zukunft der Kapitalanlage?“

In den vergangenen 12 Monaten gab es – u.a. mit der Verabschiedung des eWPG, den großen Ausschlägen bei Bitcoin, Ether & Co. – auf dem Markt der Krypto-Zahlungsmittel sehr viel Bewegung. Da genügte schon ein einziger Tweet, um Kursschwankungen auszulösen. Doch auch die „Revolte der Kleinanleger“ mit der Manipulation und Gegenmanipulation der GameStop-Aktie und weiterer sog. „Meme-Aktien“ haben gezeigt, dass auch konventionelle Aktien vor solchen Markteingriffen keineswegs so gefeit sind wie mache geglaubt haben mögen.

Aktuell ist etwas Ruhe eingekehrt, daher wollen wir diese Ruhephase dafür nutzen, um an drei konkreten Fallbeispielen die Vorteile, die Chancen, aber auch die Risiken der „Tokenized Real Assets“ (nachfolgend abgekürzt als „TRA“) aufzuzeigen.

First Mover und die „Economy of Scale“

Natürlich gehen First-Mover bei der Nutzung neuer Technologien – wie bei jeder Innovation oder Invention – immer höhere Risiken ein als Investoren in bewährte Technologien. Das ist am Beispiel der Firmengeschichte von Elon Musk’s „Tesla Inc.“ sehr gut zu veranschaulichen: all die Erkenntnisse und Erfahrungen, die Tesla Inc. als Vorreiter während der Entwicklung des ersten vollelektrischen Fahrzeugs machte, trugen dazu bei, dass die Einstiegsbarrieren für die so genannten „Incumbents“ – also alteingesessene Automobilhersteller – welchen diese Erfahrungen fehlten, dramatisch stiegen. Es dauerte folglich mehrere Jahre, den Vorsprung Tesla’s Stück für Stück wettzumachen. Erst 2021 kam mit dem Mercedes-Benz EQS ein technologisch vergleichbar gutes Modell auf den Markt.

Das erhöht also einerseits die Einstiegsschwellen, gleichzeitig ist eine neue Technologie wegen (noch) fehlender Skalierungseffekte auch vergleichsweise teuer, weil die fehlende Stückkostendegression die Preise hoch hält: nachzulesen in der Theorie der „Economy of Scale“.

Folgerichtig war auch das erste Auto, das erste Elektroauto, das erste Mobiltelefon etc. immer sehr hochpreisig, und damit meist Wohlhabenden vorbehalten. Ähnlich gelagert könnte es bei tokenisierten Kapitalanlagen sein. Doch dieser ersten Phase folgt meist die Nutzung durch die breite Masse. Umfragen unter vermögenden jungen Menschen und Millionären unter 25 fördern immer mehr zu Tage, dass diese sich in der „alten Welt“ des Private Banking eher wenig heimisch fühlen. Dieses Gefühl eines latenten Unwohlseins, eines „Fremdelns“ mit der tradierten Bankenwelt der Eltern wird durch die feinfühligeren der Private Wealth Manager auch bestätigt.

Einerseits werden Berater eher als „Schalterbeamte“ wahrgenommen, während sich die „next GEN“ zeitgleich wie auf dem Präsentierteller fühlt – nach dem Motto: „Sehen Sie mal welche tolle, hippe Kundschaft wir haben, und das als Traditionsbank!“. Das verspielt Vertrauen und macht den Besuch eher zur Pflicht als zur „spannenden Begegnung auf Augenhöhe“. – Doch warum ist das so? Ketzerisch könnte man fragen, ob es daran liegen könnte, dass eben diese Traditionshäuser aus dem 18. Jahrhundert Ihre eigene Tradition mehr als Ballast denn als bewahrenswerte Attribute empfinden? Die Positionen zwischen „next GEN“ und „Private Banking“ scheinen – durch den breiter werdenden Graben des „New Normal“ – immer weiter und unversöhnlicher auseinander zu driften.

Die „next GEN“ wird Ihre Vermögensnachfolge im Umfeld des „New Normal“ – oft allein durch den hier sehr verbreiteten, und durch das Dynamikempfinden des „New Normal“ beschleunigten, FoMO-Effekt – als „Early Adopter“ der tokenisierten Wertpapiere mit hohem Digitalanteil absolvieren. Wir wissen schon, dass es durchaus Leser geben wird, die uns jetzt einen inflationären Gebrauch von „BuzzWords“ vorwerfen werden.

Doch zunächst auch hier wieder eine kurze Begriffsklärung: Was sind „Token“?

Wörtlich übersetzt sind Token schlicht und ergreifend „Wertmarken“. Wir kennen diese von früher, auf dem Jahrmarkt, für die Fahrt mit dem Autoscooter, oder heute noch für die Ballmaschine auf der Driving Range des Golfplatzes. In der Blockchain-Ökonomie sind Token ebenfalls „Wertmarken“. Und auch hier bilden sie – digital, verschlüsselt und dezentral protokolliert – einen klar definierten (Gegen-)Wert ab: z.B. einen Anteil von € 1.000 / Token an einer Sache, einer Immobilie, einem Unternehmen. In einem dezentralisierten Finanzsystem, auf Basis der Blockchain, haben diese „Wertmarken“ ein hohes Potential alteingeschliffene, unbewegliche Prozesse zu beschleunigen und sogar sicherer zu machen.

Leichtere Diversifizierung der Kapitalanlage für Stiftungen

Chancen: Stiftungen und gemeinnützige Organisationen haben in der Vermögenssphäre heute die Herausforderung, dass sie – trotz Niedrig- bzw. Negativzinsen – ihre Tätigkeiten mittel- bis langfristig finanzieren müssen. TRA’s bieten hier eine niederschwellige Einstiegsmöglichkeit in lukrative Anlageklassen, die ihnen bisher wegen der Mindestanlage-Schwelle oft verschlossen geblieben sind.

Der wichtigste Aspekt ist hier die leicht zugängliche Diversifizierung der Kapitalanlage bei geringstem Verwaltungsaufwand: handelt es sich bei den Token doch um „nichts weiter“ als digitalisierte Wertpapiere. Ein Mehrfamilienhaus in der Vermögenssphäre muss verwaltet, Instand gehalten und bewirtschaftet werden. Das erfordert Besuche vor Ort, die Durchführung von Mieterversammlungen, Hausmeister muss bestellt und beaufsichtigt werden, Haftungsthemen müssen geklärt werden, und es bindet ggf. einen Großteil des Stiftungskapitals, das durch ein einziges Feuer vernichtet werden könnte. Als TRA ist es unnötig, „alle Eier in einen Korb zu legen“. Die Stiftung muss nicht einmal eine ganze Eigentumswohnung in einer WEG kaufen, sondern lediglich die korrekte Ausschüttung der Gewinne und den Kursverlauf des Tokens beobachten. Zudem kann sie jederzeit ihre Token einfach wieder verkaufen. Die Tokenisierung macht somit ehemals illiquide Assets liquide und damit fungibel.

Wenn die Kapitalanlage (z.B. Kunst) dann noch mit der Zweckerfüllung matcht, könnte man sogar von „transformativem Kapital“ sprechen, weil die Zweckerfüllung schon in der Vermögenssphäre verwirklicht wird, und die in der Stiftungssatzung definierte und angestrebte Transformation bewirkt. In der Finanzsprache würde man das, im übertragenen Sinne, ein „Hebelprodukt“ nennen.

Risiken: Wie bei jedem anderen Investment auch, müssen Stiftungsverantwortliche zunächst sehr genau hinschauen, ob sich das angestrebte Investment mit den Anlagerichtlinien vereinbaren läßt. Sollte keine vorhanden sein, sollte – schon aus Eigenschutz vor Haftungsthemen – eine erstellt werden. Zudem ist es hilfreich, diese im weiteren Verlauf mindestens alle 24 Monate zu überprüfen und ggf. zu aktualisieren.

Wie bei jedem neuen Anlageprodukt, wird es – gerade in der Anfangszeit – seriöse und weniger seriöse Anbieter geben. Es ist also eine Notwendigkeit, vor einer Anlageentscheidung sehr genau hinzuschauen, WER das TRA anbietet, und WASes genau beinhaltet. Ehrenamtliche Stiftungsverantwortliche werden das regelmäßig kaum leisten können; da ist professionelle Beratung gefragt, denn: „Gute Beratung kostet sicher ein Honorar – keine Beratung meist das Vermögen!“

Je diversifizierter das Portfolio ist, um so stringenter sollte das Monitoring sein. Mittlerweile gibt es dafür aber Tools, mit denen Stiftungsverantwortliche das Portfolio auf dem Smartphone überwachen können.

Fraktionierung von Real Assets wie Kunst und Oldtimern

Chancen: Viele möchten in Kunst investieren, und das aus unterschiedlichsten Gründen. Wenn man sich aber die Auktionsergebnisse der letzten Dekade ansieht, stellt man sehr schnell fest, dass es ein unübersichtlicher Markt ist, auf dem wenige Künstler einen preislichen Hype erfahren, andere unterbewertet sind, und wiederum andere gerne „reproduziert“ werden. Der physische Erwerb eines Kunstobjektes – original oder nicht – bleibt aber meist wenigen Hochvermögenden vorbehalten.

Hier kann die Tokenisierung einen Beitrag leisten – dabei geht es keineswegs um die absolute „Demokratisierung“ der Kunst, sondern vielmehr um Teilhabe, ggf. auch um Refinanzierung von Museen oder um das o.g. Beispiel einer „transformativen“ Kapitalanlage.

Risiken: Wichtig ist hier die Abgrenzung: wenn Token eines TRA’s nur im Ausland und nur mit Crypto-Coins zu erwerben, und zudem nur im eigenen Wallet zu verwahren sind, sollten Anleger hellhörig werden: denn dann liegt der Verdacht nahe, dass das Konstrukt vielleicht eher zur Verschleierung der Kapitalherkunft dient. So ist 2020 ein russisches FinTech in Rotterdam an den Start gegangen. Im Gegensatz dazu geht ein Münchener FinTech in Kürze mit einer Plattform online, das in Deutschland ansässig und von der BaFin reguliert ist, und das zudem mit einem nach deutschem Recht regulierten Kryptoverwahrer zusammenarbeitet. Das wäre dann die „weiße“ Seite dieser Anlagen: mit strukturieren KYC-Prozess und „Source of Wealth“-Nachweis.

Tokenisierung als Exit-Chance für Erbengemeinschaften

Chancen: Erbengemeinschaften haben fast immer eines gemeinsam: sie sind hoffnungslos zerstritten. Ein möglicher Ausweg aus dieser Misere ist – neben der Mediation durch ein Family Office wie die PARITER|fortis es anbietet – die Tokenisierung der Vermögenswerte, um sie dann entweder abzuverkaufen, oder aber durch eine klare Bepreisung die Entflechtung voran zu treiben. In jedem Fall aber wird schon das für die Tokenisierung notwendige Einbringen der Vermögenswerte in ein SPV für die Versachlichung der Diskussionen sorgen.

Risiken: Aus der Sicht des Coaches und Supervisors betrachtet, sind Erbschaftsstreitigkeiten im Allgemeinen und Streitigkeiten in der Erbengemeinschaft im Besonderen, immer ein Kampf um Geld, Macht und Einfluss, sowie ein Ventil für Neid und/oder Rache für erlittene Kränkungen bzw. Demütigungen der Vergangenheit – sei es durch denn Erblasser selbst und/oder seine Nachkommen.

Das Hauptrisiko für das ausscheidungswillige Mitglied der Erbengemeinschaft besteht also zunächst darin, dass sich andere Erben, einzeln oder gemeinsam, dem Lösungsprozess verweigern – egal wie vernünftig der Vorschlag ist: schon einfach aus Prinzip.

Insofern ist es meist schon entscheidend, WER den Vorschlag einbringt. Aus unserer Erfahrung heraus sollte es ein Mediator sein: z.B. ein Family Office, das kein Eigeninteresse an einer Verwaltung des Vermögens der Erbengemeinschaft hat, also gewährleisten kann, frei von Interessenkonflikten zu agieren.

Wertvolles bedarf sorgsamer Handhabung

In der Vergangenheit gab es durchaus sehr kritisch zu sehende Fälle, in denen die Unwissenheit, die Risikofreude und die Gier der Anleger von Kriminellen ausgenutzt wurden. Daher sollten Anleger schon ein paar Dinge beachten, um seriöse Angebote zu erkennen:

  1. Bei Kunst, Oldtimern und Bestandsimmobilien:
    geprüfte Real Assets mit Wertgutachten eines vereidigten Sachverständigen
  2. Bei Immobilien-Projektentwicklungen:
    Kapitalhingabe nur gegen Verwendungsbindung (z.B. Errichtung und Ausstattung des Baukörpers nach Baubeschreibung) und Sachverständigengutachten über den Wert bei schlüsselfertiger Übergabe
  3. Regulierung nach deutschem Recht
  4. Europäisches, idealerweise deutsches Kryptoverwahrungsinstitut
  5. Token künftig auf dem Zweitmarkt handelbar ab Erwerbszeitpunkt

Es ist keine Frage ob TRA’s die Zukunft der Investments sind, sondern nur wann sie das alte System ablösen werden. Daraus ergibt sich aber die zweite Frage: wollen Anleger Teil der Entwicklung sein, oder lieber abwarten und erst später versuchen auf einen Zug aufzuspringen, der den Bahnhof dann schon fast verlassen haben wird?

Ein tokenisiertes Real Asset hat also durchaus Chancen und Berechtigung, ist aber (derzeit noch) eher etwas für ambitionierte Privatanleger und professionelle Investoren.

Alte Werte – wahre Werte – aber zukunftsfähig!

Gehen wir nochmals an den Anfang und in die Tiefe: was also ist die Folgerung, vielleicht auch die Lehre aus diesen Überlegungen? Ist das nun das drohende Ende des „Private Banking“? Oder lässt sich – entgegen der immanenten Branchenmeinung – das vertrauensvolle, Nutzen-generierende Affluent-Klientel auch in der digitalen Welt voller Token, Coins und Kryptos doch langfristig binden? – Zugegeben: das sind viele Fragen, und unbequem sind sie obendrein. Doch alleine schon die Beschäftigung mit solchen Fragen, das Suchen nach den Geschäftsfeldern der Zukunft, hat schon immer erfolgreiche, ja, unternehmerisch denkende Banker ausgezeichnet und herausgehoben.

Dabei sind moderne, neue Lösungen bereits im Entstehen: „Decentralized Finance“, „Staking“, „tokenisierte Wertpapiere“, „fraktionierte Real-Assets“ auf Basis von Token auf privaten oder öffentlichen Blockchains – das alles ist schon da! Und: es ist gekommen um zu bleiben. Zunächst werden sie wohl eher für vermögende Anleger zugänglich sein, in diesem Umfeld jedoch schnell ihre Vorzüge entfalten, und alsbald den Vorteil der Fraktionierung von hochwertigen Vermögensgegenständen wie Oldtimern, Kunst etc. ausspielen können. Die so generierbare „Feindosierung“ von einzelnen Assets wird sich – auch durch ansteigende Platzierungszahlen – alsbald als grosse Hilfe und Erleichterung bei der Risikostreuung und -steuerung erweisen.

Dieser Gastbeitrag ist erschienen am 13. September 2021 im Private Banking Magazin

Ferenc von Kacsóh
Ferenc von Kacsóh
Ferenc von Kacsóh ist den Stiftungswesen seit vielen Jahren verbunden. Der zertifizierte Stiftungsmanager (EBS) engagiert sich in der Beratung von Stiftungsverantwortlichen zur Erstellung und Überprüfung von Anlagerichtlinien, übernimmt Mandante in Stiftungsgremien – auch im Rahmen einer interimsweisen Nachfolgeregelung, und ist als Geschäftsführer des Family Office PARITER|fortis GmbH erster Ansprechpartner wenn es um die zukunftsfähige Ausrichtung von Stiftungen geht.