01/2020 RA Martin Lindenau: Gastbeitrag im Magazin marktEINBLICKE zum Thema Stiftungen
31. Januar 2020
Stifter|Colloquium #1
8. Juni 2020
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04/2020 S.R.Haake & F.v.Kacsóh: Gastbeitrag im Private Banking Magazin über die Resilienz des Stiftungsvermögens

STIFTUNGEN IN KRISENZEITEN

Resilienz des Stiftungsvermögens

Haben Sie das in den vergangenen Tagen und Wochen von Ihren Kollegen auch schon gehört? „Die Kurse an den Märkten sind ja Einstiegskurse, jetzt muss man nachkaufen!“ Oder: „Dieser Kursverfall, alles raus, weg mit dem Aktienplunder!“ Des Weiteren: „Das sitzen wir aus, das haben wir schon einmal gemacht, nämlich seit Beginn der Niedrigzinsphase. Wir haben einen langen Atem, wir schaffen das!“.

Sie sagen: „Das sind doch nur Befindlichkeiten – vielmehr als fundierte Aussagen zur Marktlage“? Fakt ist, dass wir seit dem 13. März 2020 im Dow Jones IA Index je zwei Top-15-Platzierungen der historisch höchsten Tagesverluste und -Gewinne gesehen haben: plus 11,4 Prozent am 24. März, plus 9,4 Prozent am 13. März, minus 12,9 Prozent am 16. März und minus 10,0 Prozent am 12. März. Natürlich kann sich dieser Marktdynamik ein Gefühl des Ausgeliefert-Seins einstellen, das ist nachvollziehbar.

Der Fragenkanon der Stiftungsverantwortliche

So stellen sich in der aktuellen Marktsituation den für die Kapitalanlage verantwortlichen Stiftungsmitarbeitern noch drängendere Fragen als bisher: war die Entscheidung, nach Jahren des Zinstiefs und der Minuszinsen in den Aktienmarkt zu investieren, wirklich richtig? Und muss ich, ganz nach Warren Buffets Motto „sei gierig, wenn andere ängstlich sind“, gerade jetzt weitere Aktien kaufen – oder doch meinen Bestand liquidieren? Habe ich mit meiner Entscheidung, nicht in Aktien zu investieren, wirklich alles richtig gemacht? Habe ich mit meiner Entscheidung die Existenz der Stiftung – gar ihre Gemeinnützigkeit, vielleicht sogar gefährdet? Welche Risiken strahlen dadurch auf mich ab?

Es geht hier keineswegs um schwarz oder weiß, richtig oder falsch – das verbietet sich bei der Heterogenität der Stiftungswelt ohnehin. Es geht vielmehr um eine Haltung, um ein Bewusstsein für das Thema und ein Rückgrat, mit dem die Position in den Gremien und gegenüber den Aufsichtsorgangen vertreten werden kann, ohne sofort in eine Rechtfertigungsschleife zu geraten.

Bei allen möglichen Treffen der Stiftungswelt ist von dessen Professionalisierung die Rede. Dieser Begriff ist aber mittlerweile so abgedroschen, dass es schmerzt. Gleichwohl ist der damit beschriebene Prozess inhaltlich nicht nur notwendig, sondern auch existenz-notwendig – und längst überfällig. Wir wählen daher ein anderes Bild, und treten ein für die Befähigung der Stiftungsverantwortlichen für ein verantwortliches, langfristorientiertes, bewusstes Agieren.

Resilienz – was ist das?

Was jedoch überwiegt, ist die Erkenntnis, dass sich in solch besonderen Situationen rächt, was sich im Tagesgeschäft an Fehlern und Versäumnissen eingeschlichen hat. Die Krise ist sozusagen als Kristallisationspunkt zu sehen, der die Frage der eigenen Resilienz sehr plastisch zu Tage treten lässt.

In der Medizin bezeichnet Resilienz auch die Aufrechterhaltung bzw. rasche Wiederherstellung der psychischen Gesundheit, während oder nach stressvollen Lebensumständen, und ist als Ergebnis der Anpassung an Stressoren definiert. Natürlich ist dieser Begriff nicht ganz ohne kritische Bemerkungen zu sehen, denn um Ulrich Schnabel zu zitieren: „Das Gerede von der psychischen Widerstandskraft schaffe eine Kultur des Vorbereitet-Seins auf die Katastrophe“.

Resilienz ist erlernbar

Doch eine gute Nachricht gibt es in diesem Zusammenhang: die Fähigkeit, Problemen auf Augenhöhe zu begegnen, also die Resilienz selbst, ist erlernbar! Angewendet auf die Finanzwelt kann man sich mit drei der sieben Säulen der Resilienz befassen: Analysestärke, Realismus und Handlungskontrolle. Man könnte auch sagen: Situation akzeptieren, Opferrolle verlassen, Verantwortung ergreifen, zu Lösungen kommen und die Zukunft planen.

Das hört sich, wie vieles in der Theorie, gut und logisch an. Doch eine Umsetzung kann schon am ersten Punkt, der „Analysestärke“ scheitern. Wie also werde ich analysestark? Wer befähigt mich dazu? Wie lange dauert das? Der Kernbegriff hier ist die Befähigung, denn nur wer Kenntnisse und Fähigkeiten gebündelt einsetzen kann, ist in der Lage die Handlungskontrolle zu übernehmen, und realistische Annahmen über die gegenwärtige Gemengelage und die Auswirkungen auf die Vermögenswerte in der Zukunft in Angriff zu nehmen. Vor allem sollten Sie stets die Frage beantworten können, ob Sie bei der Struktur Ihres Depots eine Strategie hatten – und wenn ja: welche?

Sich selbst oder gar neue, jüngere, ältere Teammitglieder zu befähigen, ist im Grunde mit dem Schlüssel für so viele Lebensbereiche verknüpft: Bildung! Dabei kann das gesamte Spektrum von der Teilnahme an sogenannten „CitizenLabs“ über Zertifikatskurse bis hin zum Studium gespielt werden. Fangen Sie einfach an! Welches Level Sie erreichen ist dabei Nebensache. Akzeptieren Sie die Situation, dass eine fundierte Wissensbasis Sie aus der Opferrolle befreit, denn dafür haben Sie und Ihre gemeinnützige Organisation nun wirklich  keine Zeit. Werden Sie vom gefühlt Getriebenen zum wirkungsorientierten Macher!

Vom Realismus zur Lösung

Eines gleich vorweg: die drei Geheimnisse einer stabilen, resilienten Vermögensanlage im Rahmen einer gemeinnützigen Organisation oder Stiftung – also mit Vermögen, das Ihnen als Veranlagungsverantwortlichem nicht selbst gehört – sind: dokumentieren, dokumentieren, dokumentieren.

Das Leben kann so „einfach“ sein, wenn Sie fähig sind a) eine fundierte realistische Lagebeurteilung formulieren zu können, b) Einflüsse auf die Vermögenswerte zu beurteilen in der Lage sind und c) aus diesen Erkenntnissen einen Handlungshorizont formulieren und begründen können, um dann den Kraftschluss herzustellen und daraus geeignete Maßnahmen abzuleiten. Das kann auch eine sogenannte ruhige Hand sein, denn: nichts zu unternehmen ist auch eine Entscheidung und eine Tat, und nicht etwa das Eliminieren oder Vermeiden einer solchen – alles wirkt.

Zukunft planen

Haben Sie den Regelkreis einmal angestoßen, verpflichtet dieser Sie natürlich dazu, das Rad auch am Laufen zu halten. Was Sie aber damit erreichen, ist enorm. Sie können zu jeder Zeit und in geeigneter Form jedem Stakeholder fundiert Auskunft geben, warum Sie dieses gemacht oder jenes gelassen haben. Dabei ist es ganz unerheblich, in welcher Tiefe und Breite die Auskunft ausfallen soll, und an wen Sie diese richten – sei es die Stiftungsaufsicht, Dauerspender, Erblasser oder Projektpartner und Presse.

Vielleicht haben Sie auch schon gemerkt, dass, wenn Sie diesen Regelkreis für sich adaptieren, Sie daraus auch hervorragend Ihre eigene Anlagerichtlinie formulieren könnten? Genau, denn bei einer Anlagerichtlinie kommt es viel weniger darauf an, ob Sie nun zum Beispiel 10 oder 8,5 Prozent ungesichertes Währungs-Exposure für sich festlegen oder Brasilien auf Ihrer Negativliste steht. Sind Sie erst in der Lage, Ihre Entscheidungen fundiert zu begründen, Handlungsalternativen daraus abzuleiten und diese umzusetzen, ist vieles möglich. Die Anlagerichtlinie bekommen Sie sozusagen als Bonbon noch oben drauf.

Dass zu alledem auch ein Aufwand an systematischer Materialsammlung hinzukommt (Artikel, Berichte von Fonds, Zeitungsartikel, natürlich auch dieser Artikel, Basispublikationen und Unterrichtsmaterial et cetera), macht es nicht weniger aufwändig. Sehen Sie es als Selbstschutz, und es gibt Ihnen die Sicherheit Ihre Entscheidungen zu untermauern und hilft bei der Lösung des Paradoxons das „Voraussagen insbesondere dann schwierig sind, wenn Sie die Zukunft betreffen“.

Regelkreis der Vermögensanlage

Der Ausgangspunkt dabei ist, frei nach dem ersten Watzlawick’schen Axiom, dass man am Wirtschaftsgeschehen nicht nicht-teilnehmen kann. Dazu ein Beispiel:

Quelle Graphik: © by Ferenc von Kacsóh

Ohne Plan droht Existenzgefährdung

Sollte eine Aufsichtsbehörde auf die Idee kommen, dass ein Vorstand seine Pflicht zum Kapitalerhalt durch Nichts-Tun verletzt hat, indem er Negativzinsen und Inflation tatenlos hingenommen hat, ist gegebenenfalls auch die Gemeinnützigkeit der Stiftung als solches in Gefahr. Es wäre auch fahrlässig naiv zu glauben, dass Aufsichten und Finanzämter sich eines Austausches enthielten.

Diese Punkte sind, alle einzeln für sich, alles andere als trivial: Bezieht ein für die Kapitalanlage verantwortlicher Vorstand die Gremienkollegen in seine Entscheidung mit ein, verteilt sich die Verantwortung auf alle Gremienmitglieder. Gleichzeitig kann das zu endlosen Diskussionen und Lähmungserscheinungen in der Entscheidungsfindung führen. Zudem bietet das einzelnen Mitgliedern eine zusätzliche Chance, ihre Hidden Agenda zu platzieren. „Wisse um die Folgen Deiner Taten!“

Die Konsequenzen einer Falschanlage oder einer unterlassenen beziehungsweise nachlässigen Dokumentation können keineswegs nur die oben beschriebenen sein, es geht ja weiter: eine Aberkennung der Gemeinnützigkeit kann ja auch rückwirkend ausgesprochen werden, also zum Beispiel für die vergangenen fünf Jahre. Damit verlieren unter anderem alle ausgestellten Zuwendungsbescheinigungen ihre steuersenkende Wirkung, und der Vorstand wird auch für den Steuerschaden ihrer Förderer persönlich haften. Das kommt zum eigentlichen Vermögensschaden noch hinzu. Hier darf es kein Angsthasen-Spiel geben.

Fehlendes Fachwissen ist hier auch keine Ausrede: Es gibt Berater, die interessenkonfliktfrei Vorstände als Entscheidungsträger befähigen können, eine Sprache zu finden, die ihre Bedürfnisse formuliert, Ziele zu finden und zu prüfen, und die richtigen Allokationen zu treffen.

Wie kann das in Einzelnen aussehen? Nehmen wir zum Beispiel die ESG-Kriterien. Davon ausgehend, dass viele sogenannte Nachhaltigkeits-ETFs global positioniert sind, haben wir, zusätzlich zum Kursrisiko, auch noch ein Währungsrisiko, weil ein großer Teil der im ETF investierten Werte in US-Dollar notiert. Dass man bei der Kapitalanlage zu jedem Zeitpunkt eine stringente Strategie hatte, die sinnstiftend und viele Gremienmitglieder (zum Beispiel der dreiköpfige Vorstand) auch einstimmig und in jeder Phase der Entscheidungsfindung (!!!) mitgetragen hat, bedarf einer stringenten und strukturierten Verschriftlichung.

Digitalisierungsschub durch die Krise

Die durch die aktuelle zivilgesellschaftliche Krise angeheizte Unsicherheitslage birgt aber auch ganz konkrete Vorteile, denn die digitalen zeit- und ortsunabhängigen Befähigungs-/Bildungs-Angebote sprießen wie Pilze aus dem Boden. Digitale Ring-Vorlesungen, volldigitale Zertifizierungsprogramme sind schon heute verfügbar. Ob an freien Hochschulen oder über die Kooperation mit Interessensverbänden, ist auch hier das Spektrum von kostenlosen bis hin zu kostenpflichtigen ganzen Studiengängen mit Bachelor- oder Masterabschluss verfügbar – was Ihnen dank Digitalisierungsschub gemein ist, ist die Niederschwelligkeit der Kontaktaufnahme und der weiteren Kommunikation.

Disruption kann auch hier, bei allem aktuellen Krisenbewältigungsdruck, einmal positive Auswirkungen haben. Befähigen Sie sich, dokumentieren Sie, es lohnt sich für den Dritten Sektor und ganz nebenbei auch für Sie selbst.

Dieser Gastbeitrag ist erschienen am 03. April 2020 im Private Banking Magazin – Institutional Edition