02/2014 altii-Magazin (Fachartikel)
12. Februar 2014
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11/2012 Stefan R. Haake: manager magazin (Fachartikel)

Milliardenvermögen

Niedrigzinsen bedrohen Stiftungen

mm: Herr Haake, jährlich werden etwa 1000 Stiftungen in Deutschland gegründet. Mittlerweile gibt es mehrere Zehntausend, allein 19.000 bürgerlichen Rechts. Wie erklärt sich dieser Boom?

Haake: Eine Erklärung ist sicherlich, dass sich immer mehr auch wohlhabende Bürger für eine gemeinnützige Sache engagieren wollen. Sie wollen etwas bewegen in der Gesellschaft, ihr vielleicht auch etwas zurückgeben. In einer Stiftung, die per Satzung das Geld für einen bestimmten Zweck ausgibt, sehen sie dafür das beste Vehikel. Ich glaube, dass dieser ursprüngliche Stiftungsgedanke nach wie vor eine große Bedeutung hat.

mm: Die Literatur und Hinweise zu Stiftungen als Steuersparmodell sind reichhaltig. Könnte nicht auch dies das zentrale Motiv sein?

Haake: Steuerliche Vorteile spielen selbstverständlich eine Rolle. Der Staat befreit gemeinnützige Stiftungen aus nachvollziehbarem Grund von den meisten Steuern. Leisten sie doch einen Beitrag zum Gemeinwohl, der sonst in die staatliche Fürsorge fiele. Also fallen bei der Vermögensübertragung zum Beispiel keine Erbschaft- oder Schenkungsteuer an, bei der großen Zahl der Privat- und Familienstiftungen dagegen schon.

mm: Und die Stifter oder Spender selbst?

Haake: Auch sie genießen Vorteile, können das eingebrachte Kapital oder Spenden von der Steuer absetzen – bis zu eine Million Euro im Jahr der Zuwendung und den neun Folgejahren. Wenn der Gesetzgeber solche Regeln erweitert oder neu einführt, steigt die Zahl der gegründeten Stiftungen signifikant an. Als Steuersparmodell sehe ich gemeinnützige Stiftungen in Deutschland aber nicht. Wer stiftet, trennt sich unwiderruflich von seinen Vermögenswerten, auch die Erträge daraus stehen ihm nicht mehr zu.

mm: Demnach werben Kanzleien etwa mit irreführenden Hinweisen?

Haake: Das kann ich nicht beurteilen. Zur Steuerhinterziehung oder als Steuersparmodell eignet sich eine Stiftung in Deutschland jedenfalls nicht. Das lassen die Landesstiftungsgesetze nicht zu. Die landeseigenen Aufsichten prüfen zudem alle drei Jahre, ob eine Stiftung wirklich noch gemeinnützig arbeitet und damit die strengen Voraussetzungen für Steuererleichterungen erfüllt.

mm: Schätzungen zufolge beläuft sich das Vermögen deutscher Stiftungen auf rund 100 Milliarden Euro – eine enorme Summe. Wie viel davon steht für die Kapitalanlage zur Verfügung?

Haake: Die ehrliche Antwort lautet: Wir wissen es nicht, auch der Bundesverband Deutscher Stiftungen nicht. Es gibt Stiftungen, deren Vermögen großteils in Immobilien, Unternehmensanteilen, Ländereien oder in Kunstgeständen gebunden ist, die laut Satzung auch nicht verkauft werden dürfen. Solche Vorgaben schränken natürlich das frei verfügbare Kapital ein. Andere dagegen verfügen über große Bestände an Barvermögen, das bis zu 100 Prozent angelegt und vermehrt werden muss. Letztlich bestimmen der Stiftungszweck und die Frage, wie viel Geld eine Stiftung zur Erfüllung dieses Zwecks benötigt, die Höhe der freien Mittel entscheidend mit. Verlässliche Zahlen über das fungible Kapital gibt es aber leider nicht.

mm: Woran liegt das?

Haake: Das hat auch damit zu tun, dass der Stiftungsbereich in einigen Punkten sehr intransparent ist. Die meisten Stiftungen müssen ihren Jahresbericht nicht veröffentlichen, und sie tun es auch nicht. Es sei denn, sie suchen auf diesem Wege ganz bewusst die Öffentlichkeit, um damit ihr Image zu fördern. Das ist letztlich die Entscheidung der Stiftung.

2. Teil: „Viele Stiftungen stecken in einem Dilemma“

mm: Sind Stiftungen besonderen Anlagerestriktionen unterworfen?

Haake: Nein, die Vermögensanlage liegt primär in der Selbstverantwortung der Stiftung. Das Stiftungsrecht gibt lediglich vor, dass das einmal gestiftete Grundkapital erhalten bleiben muss, der Vorstand darf die Substanz nicht antasten. Andernfalls liefe die Stiftung Gefahr, ihre gemeinnützige Anerkennung und damit auch ihre Steuervorteile zu verlieren.

mm: Wie beeinflusst das die Vermögensanlage?

Haake: Da Stiftungen nur in einem sehr beschränktem Umfang Rücklagen bilden und ihren Vermögensstock nicht antasten dürfen, sondern von dessen Verzinsung leben müssen, scheuen sie größere Anlagerisiken. So ist der Großteil des freien Kapitals in vergleichsweise sicheren, festverzinslichen Papieren investiert, mit deren Erträgen sie ihren Stiftungszweck finanzieren müssen. Das war auch lange Zeit kein Problem, jetzt aber stecken viele in einem Dilemma.

mm: Warum das?

Haake: Die meisten Stiftungen haben ihr Anlageverhalten in der Vergangenheit nicht angepasst, sondern sind eher noch risikoscheuer geworden. So fallen ihre Erträge seit Jahren zurück. Vielen Einrichtungen gelingt es nicht mehr, den Vermögenserhalt, eine sichere Kapitalanlage und ausreichende Erträge für den gemeinnützigen Zweck auf einen Nenner zu bringen. Existentielle Probleme könnten vor allem die zahlreichen kleinen Stiftungen bekommen, die über einen kleinen Kapitalstock verfügen und neben den niedrigen Zinserträgen nicht ausreichend Spenden generieren.

mm: Stehen Stiftungen jetzt vor dem Aus?

Haake: Aktuell sieht es nicht danach aus. Viele kleinere Stiftungen werden aber in jedem Fall Probleme bekommen, wenn das Zinsniveau so niedrig bleibt wie es ist. Um nachhaltig hinreichende Erträge zu erwirtschaften, werden sie größere Anlagerisiken eingehen und stärker diversifizieren müssen. Die Frage, wie viel Risiko kann ich mir leisten oder muss ich eingehen, um meinen Stiftungszweck langfristig noch erfüllen zu können, diese Fragen der Risikosteuerung stellen sich die meisten Stiftungen nicht.

mm: Das klingt nicht, als ob ein professionelles Vermögensmanagement unter deutschen Stiftungen oberste Priorität genießen würde.

Haake: Der Eindruck ist nicht von der Hand zu weisen. Große Stiftungen haben in der Regel eine eigene Vermögensverwaltung, die professionell arbeitet. Oftmals ist man auch aus Schaden klug geworden und hat sich dann die Professionalität eingekauft. Es gibt aber auch beachtlich große Stiftungen, die über keinen Spezialisten für ihre Kapitalanlage verfügen. Nicht selten unterhalten sie ihre Konten bei der Bank um die Ecke. Es ist so: Im großen Unterbau des gesamten Stiftungswesens, den vielen mittleren und kleinen, spielt die professionelle Kapitalanlage kaum oder gar keine Rolle.

mm: Wie erklärt sich das?

3. Teil: „Stiftungsfonds geben keine Garantie“

Haake: Zum einen ist der Druck wohl noch nicht groß genug, weil Stiftungen mit einem älteren Bestand höher verzinster Bonds ihre Tätigkeit noch halbwegs finanzieren können. Laufen diese Papiere aus, dann stellt sich das Problem der Wiederanlage und professionellen Vermögensverwaltung aber um so dringlicher. Zum anderen haben in einer Stiftung oft Privatleute das Sagen, die mehr dem Stiftungszweck als der Kapitalanlage verhaftet sind. Schließlich ist das Vermögen einer Stiftung oft nicht groß genug, um eine differenzierte Anlagestrategie mit unterschiedlichen Assets und Investmentansätzen umsetzen zu können.

mm: Zu klein, zu wenig Knowhow – doch der Ertragsdruck bleibt. Welche Option haben diese Stiftungen überhaupt?

Haake: Schon seit einigen Jahren versuchen Banken, Vermögensverwalter und die Fondsbranche mit sogenannten Stiftungsfonds eine Lösung für das Problem vor allem der vielen kleinen und mittleren Stiftungen zu finden. Diese Fonds sind herkömmlichen Mischfonds sehr ähnlich und streuen das Vermögen der Anleger über mehrere Asset-Klassen. Zentrales Ziel der Fonds sind eine regelmäßige Ausschüttung und der langfristige Kapitalerhalt. Dabei übernimmt der Fondsmanager die Auswahl der Einzeltitel als auch die nach stiftungsrechtlichen Vorgaben mögliche Portfolioallokation.

mm: Wann eignet sich so ein Investmentfonds für eine Stiftung?

Haake: Ein Stiftungsfonds kann ein probates Mittel sein, um eine bestimmte Strategie umzusetzen und wenn die Stiftung ihre Kapitalanlage nicht selbst gestalten möchte. Das setzt voraus, dass sich Vorstand und Kuratorium zunächst einmal über ihre Ziele klar werden müssen. Daraus gilt es eine Anlagestrategie zu entwickeln, und erst dann folgt die Suche nach dem Anlagevehikel. Am Ende kann der Stiftungsfonds die geeignete Lösung sein, er muss es aber nicht. Wogmöglich lässt sich das Ziel auch besser mit dem Kauf eines Mietshauses erreichen. Wichtig ist, dass Ziele, Strategie und Umsetzung genau auf die Stiftung zugeschnitten sind. In der Regel geht das ohne professionelle und unabhängige Hilfe nicht.

mm: Die Performance der von Ihnen untersuchten Stiftungsfonds ist nicht gerade berauschend. Auf Drei-Jahressicht liegen die meisten deutlich hinter dem Dax. Warum soll ein Stiftungsvorstand viel Geld für ein Fondsmanagement ausgeben, wenn er das gleiche oder bessere Ergebnis auch mit einem Dax-ETF erzielen könnnte?

Haake: Diese Frage drängt sich natürlich sofort auf. Wir sollten aber eines beachten. Die meisten dieser Fonds haben einen defensiven Charakter. Sie verfolgen oftmals den Zweck der Risikominimierung sowie die Einhaltung gewisser Risikobudgets. Von daher sind sie allein durch ihre Aufstellung und Diversifikation anders ausgerichtet als ein Indexfolgeprodukt. In der Regel lässt sich eine Rendite-Outperformance als auch eine Outperformance in Richtung Risikoabsicherung immer nur durch ein aktiv gemanagtes Produkt erzielen.

mm: Wenn nun ein Stiftungsfonds wie der „Gobal Endowment Portfolio“ (siehe Übersicht unten) auf Drei-Jahres-Sicht ein Minus von 34 Prozent einfährt, bekommt dann ein Stiftungsvorstand nicht ein ernstes Problem?

Haake: Wenn er dort mit einem Großteil des Stiftungsvermögens investiert ist, dann hat er in der Tat ein Problem. Stiftungsfonds geben keine Garantie, um Verluste zu verhindern. Das sind speziell für Stiftungen entwickelte Portfolien, die letztlich den gleichen Gesetzmäßigkeiten unterliegen wie andere Kapitalmarktprodukte auch. Das sagen wir den Vorständen der von uns betreuten Stiftungen auch immer wieder. Es reicht eben nicht, sich die Kosten einer unabhängigen Beratung zu sparen und das Geld einfach in einen Stiftungsfonds zu investieren. Das muss von A bis Z passen.

4. Teil: Übersicht: Die größten Stiftungsfonds in Deutschland

Die größten Stiftungsfonds in Deutschland
Fondsname Auflegungs- datum Kategorie 2012* 12 Monate 36 Monate
Aachener Spar- und Stiftungsfonds Börsen-Chart zeigen 4/21/2011 defensiv 2,23% 2,98%
Allianz TAARA Stiftungsfonds A – EUR Börsen-Chart zeigen 5/18/2006 defensiv 5,88% 6,82% 12,50%
BCA Bank Fund – Alpha Top Stiftungsfonds Börsen-Chart zeigen 3/4/2008 offensiv -0,53% -8,15% -23,90%
Berenberg-1590-Stiftung Börsen-Chart zeigen 5/4/2009 defensiv 5,64% 6,53% -1,10%
DEKA-Stiftungen Balance Börsen-Chart zeigen 4/28/2003 ausgewogen 2,46% 2,86% 3,05%
DJE INVEST – DJE Stiftungsfonds Renten I Börsen-Chart zeigen 5/22/2009 defensiv 4,62% 5,94% 12,57%
DWS Stiftungsfonds Börsen-Chart zeigen 4/15/2002 defensiv 5,12% 5,98% 3,37%
F&C HVB-Stiftungsfonds A Börsen-Chart zeigen 7/25/2001 defensiv 3,67% 5,23% 3,22%
Flossbach von Storch SICAV – Stiftung Börsen-Chart zeigen 10/30/2007 ausgewogen 5,79% 11,98% 12,13%
Fonds für Stiftungen Invesco Börsen-Chart zeigen 2/17/2003 ausgewogen 12,20% 17,78% 68,09%
Frankfurter Aktienfonds für Stiftungen Börsen-Chart zeigen 1/15/2008 offensiv 5,95% 7,74% 18,71%
H&A Rendite – Rendite PLUS Stiftungen Börsen-Chart zeigen 11/15/2010 defensiv 7,16% 8,15%
Hamburger Stiftungsfonds UI Börsen-Chart zeigen 12/14/2009 defensiv 6,92% 8,33% 0,73%
HV Fonds – Global Endowment Portfolio Börsen-Chart zeigen 1/31/2008 ausgewogen -5,19% -12,88% -33,96%
KANA ETF-Anlagefonds für Stiftungen UI I Börsen-Chart zeigen 1/4/2010 defensiv 0,26% 1,22% 4,02%
KCD-Union Nachhaltig MIX Börsen-Chart zeigen 12/17/1990 defensiv 7,91% 9,54% 8,60%
Kommunal- und Stiftungsfonds Börsen-Chart zeigen 1/3/2011 defensiv -0,64% -0,54%
LAM-Stifterfonds-Universal Börsen-Chart zeigen 5/3/2010 defensiv 8,02% 9,11% 12,16%
LIGA-Pax-Balance-Stiftungsfonds-Union Börsen-Chart zeigen 5/2/2000 ausgewogen 5,67% 7,90% 12,20%
MEAG FairReturn A Börsen-Chart zeigen 3/15/2010 defensiv 6,41% 7,16% 12,66%
Merck Finck Stiftungsfonds UI Börsen-Chart zeigen 10/1/1990 defensiv 7,61% 9,91% 5,34%
Multi-Axxion – Absolute Return Börsen-Chart zeigen 12/6/2004 ausgewogen -8,00% -9,72% -27,52%
National Bank Stiftungsfonds 1 Börsen-Chart zeigen 9/15/2011 defensiv 0,76% 0,68%
NV Strategie Stiftung AMI P (t) Börsen-Chart zeigen 3/15/2010 defensiv 0,66% 1,06% 2,02%
PRIMA – Strategie Börsen-Chart zeigen 3/31/2010 offensiv 6,73% 8,94% -13,51%
Sarasin-FairInvest-Universal-Fonds I Börsen-Chart zeigen 3/30/2001 defensiv 7,96% 9,81% 14,82%
Stiftungsfonds Spiekermann & CO Börsen-Chart zeigen 8/2/2010 ausgewogen 9,10% 11,37% 5,17%
Stiftungsfonds Westfalen A Börsen-Chart zeigen 11/18/2008 ausgewogen 8,87% 12,03% 10,95%
UBS Stiftungsfonds I Börsen-Chart zeigen 8/15/2007 defensiv 9,96% 15,02% 19,59%
UBS Stiftungsfonds II Börsen-Chart zeigen 8/15/2007 offensiv 12,86% 12,76% 11,30%
V/A(R) Stiftungsfonds UI Börsen-Chart zeigen 9/2/2002 defensiv 3,44% 4,48% 3,07%
Warburg Stiftungsfonds Börsen-Chart zeigen 7/2/2007 ausgewogen 5,56% 6,78% 5,25%
WvF Rendite und Nachhaltigkeit Börsen-Chart zeigen 9/3/2009 defensiv 6,15% 7,89% 9,25%
Quelle: Portfolio Consulting GmbH Familiy Office
* Januar bis Oktober

Dieser Artikel erschien am 27.11.2012 unter folgendem Link:
https://www.manager-magazin.de/finanzen/geldanlage/a-869209.html

Stefan R. Haake
Stefan R. Haake
Stefan R. Haake ist seit vielen Jahren dem Stiftungswesen verbunden. Durch seine Tätigkeit für Privatbanken und Family Offices hat er in den letzten Jahren auch sinnstiftende und generationsübergreifende Anlagestrategien erfolgreich gestaltet. Als zertifizierter Stiftungsmanager (DSA), diplomierter Bankbetriebswirt und Dipl. Finanzökonom bringt er neben seiner Qualifikation zum Bank-Geschäftsleiter sowohl Stiftungswissen als auch betriebswirtschaftliche Expertise mit.